Die Art wie wir kommunizieren hat sich verändert. Die Flut an Informationen wird immer größer und wir nehmen uns immer weniger Zeit zum lesen und schreiben. Aus E-Mail wurde Messaging, aus Bloggen wurde Microbloggen und wir nutzen Emojis, Hashtags und andere Abkürzungen um die, so schon kurzen Texte, noch weiter zu „optimieren“.

Das ist prinzipiell auch nichts schlimmes, da sich mit jeder neuen Kommunikationsform in der Regel auch das Medium, mit dem ich es konsumiere, ändert. Messaging-Texte lese ich in Telegram und E-Mails kann ich weiterhin in meiner Mail-App lesen.

Komisch wird es aber, wenn sich Medien vermischen, oder wenn Tools versuchen unterschiedliche Medien zu normalisieren. 2011 versuchte Facebook, beispielsweise E-Mails und Messaging/Chat zu verheiraten und über eine Oberfläche nutzbar zu machen.

There are no subject lines, no cc, no bcc, and you can send a message by hitting the Enter key. We modeled it more closely to chat and reduced the number of things you need to do to send a message.

Facebook: See the Messages that Matter

Auf Facebook hat das Vorhaben auch gut funktioniert, aber über die klassiche Mail-App sah ein „Discussion-Thread“ nicht wirklich hübsch aus, weshalb das Projekt auch (zum Glück) wieder eingestellt wurde.

Aber wie komme ich auf das Thema?

Aktuell sieht es in meinem Feed-Reader folgendermaßen aus:

Reeder (RSS-Reader) auf dem iPhone

Keine Überschriften, komische Überschriften, nur das Datum oder sogar der ganze Text als Überschrift. Schuld daran ist, die Verschmelzung von Blogging und Microblogging. Oder besser: Die Nutzung eines Feed-Readers um Microblogs zu lesen.

Micro.blog ist ein Microblogging-Dienst, der 2017 über eine Kickstarter-Kampangne finanziert wurde. Micro.blog orientiert sich stark an der IndieWeb Community und unterstützt viele IndieWeb-Protokolle, wie z.B. Webmentions und Micropub. Der Service unterstützt außerdem das abonnieren von klassischen Blogs wie z.B. WordPress über das gute alte RSS Format. Und hier vermischen sich die beiden Themen.

Aus der WordPress Doku von Micro.blog:

Part of indie microblogging is getting back to the simplicity of title-less posts. When you’re writing a microblog post in WordPress, just leave the title blank, and if necessary update the post template to not include the title in HTML or the RSS feed.

Durch die IndieWeb Community veröffentlichen viele Personen in meinem Umfeld alle Arten von Texten und anderen Medien auf ihren eigenen Webseiten. Ein signifikanter Anteil von ihnen nutzt dafür WordPress und ein Teil davon wiederum meine Themes. Das heißt ich bin letztendlich sogar dreifach von diesem „Trend“ betroffen: als Konsument, als Entwickler und als Publisher.

Ich verstehe den Ansatz, den Micro.blog verfolgt durchaus:

You may find that some feed readers don’t gracefully handle posts without titles, often inserting “Untitled” for the title because they expect something to be there. If you see this, the best solution is to email the developer and ask for them to address it. Working around the issue with fake titles — dates, numbers, or portions of the text — will only ensure that client developers never improve their apps to handle title-less posts.

Apple macht es ganz ähnlich, wenn sie bei neuen iPhones die Kopfhörer-Buchse weg lassen oder bei Laptops nur noch USB-C Anschlüsse verbauen. Man könnte argumentieren, dass es der einzige Weg sei um den Fortschritt voran zu treiben, aber ich bin von den Änderungen meistens eher genervt! Ich bin nämlich derjenige der wieder neue Kopfhörer und einen &%$?§ voll Adapter braucht.

Ein ähnliches Gefühl habe ich gerade bei Microblogging über WordPress und Micro.blog. Nicht die RSS-Reader werden gezwungen sich anzupassen, sondern ich muss schauen, wie ich meine Lese- bzw. Schreibgewohnheiten verändere. Ich „muss“ mein Theme anpassen, ich „muss“ meine Schreibgewohnheiten anpassen und ich „muss“ schauen wie ich meinen Feed-Reader wieder „sauber“ bekomme.

Ich würde mir wünschen wenn Micro.blog nicht so restriktiv mit dem Interpretieren von RSS wäre und wenn es einen fließenderen Übergang gäbe.

Ich würde mich freuen, wenn ich weiterhin Titel schreiben dürfte, denn Titel sind gut für den Feed-Reader, für die sprechenden Permalinks oder einfach nur damit ich meine Artikel über die WordPress Oberfläche schneller wieder finde.

Ich würde mir wünschen, dass Micro.blog einfach immer den Text oder die Summary nutzen würde und den Titel nur als Fallback. Von mir aus auch abhängig vom Post-Type.

Aktuell gibt es für mich aber nur zwei Möglichkeiten:

  • Ich lasse den Titel weg -> Micro.blog zeigt den vollen Text an und im Feed-Reader sieht’s scheiße aus
  • Ich schreibe einen Titel -> Micro.blog zeigt nur den Titel an, aber im Feed-Reader siehts gut aus

Es gibt natürlich auch noch andere Lösungen, aber die sind immer mit Arbeit verbunden: HTTP Agent auslesen und nur für Micro.blog den Titel ausblenden, extra Feed für Micro.blog, …

Am Schluss ist Micro.blog aber nur exemplarisch für eine generelle Entwicklung in der IndieWeb Community.

Peter Molnar hat in einem ähnlichen Zusammenhang etwas sehr passendes dazu geschrieben:

If I look at my wall, my timeline, or any other stream, it’s a mess which I’m not proud of. It’s a never-ending scroll of things, without structure, without separating the less important from the more important, without me, without focus. “regaining focus” is becoming much of a buzzterm but there is truth behind it.

I want the blogs back


Wahrscheinlich sind es nicht die fehlenden Titel die mich aufregen, sondern die Flut an unstrukturierten, zusammenhanglosen Microblogposts, die ich eigentlich gar nicht in meinem Feed-Reader haben will.

…aber das ist eine andere Geschichte.

OStatus Logo

Die OpenMicroBlogging-Spezifikation war eine echt nette Idee und hat auch gar nicht schlecht funktioniert… zwar etwas umständlich aber immerhin ein Anfang.

Nach fast zwei Jahren arbeitet StatusNet (früher laconi.ca und Erfinder von OMB) jetzt an einem Nachfolger. Die neue Spezifikation heißt OStatus und ist eine Art „Best Off“ bestehender Open Web Standards:

…und wenn ich es richtig verstanden habe, scheint das in der aktuellen Version von StatusNet1 (Version 0.9) auch schon ansatzweise zu funktionieren.

Plattformübergreifend Echtzeitkommunikation auf Basis offener Standards… schöne neue Welt 🙂


1 StatusNet (vormals Laconica) ist eine in PHP entwickelte freie Software für Mikro-Blogging-Dienste, die den OpenMicroBlogging-Standard implementiert. Damit ermöglicht StatusNet eine offene Kommunikation zwischen Online-Communitys mit zu Twitter vergleichbarer Funktionalität. (via Wikipedia)

Was Microformats.org für HTML-Semantiken ist, soll Microsyntax.org für Twitter-Grammatiken werden.

Vor knapp zwei Jahren gab es schon mal einen Trend, Tweets mit „Meta Informationen“ anzureichern (und Chris Messina (wer sonst!) hatte sogar schon 2006 eine ganz ähnliche Idee). Leider haben die so genannten Nanoformats sich, bis auf einige Ausnahmen (@replies und ), nicht wirklich durchgesetzt.
Trotzdem entstanden ein paar ganz nette Tools:

Das gestern von Stowe Boyd gestartete Microsyntax.org soll das ganze Thema jetzt nochmal neu aufrollen, Ordnung in das Microsyntax Chaos bringen (was ich schon mal sehr befürworte) und eine Plattform für neue Formate bieten.

By microsyntax I mean various ways to embed structured information right into the text of Twitter messages. The most well-known sort of microsyntax are the retweet convention (or ‘RT’) and hashtags (or twitter tags).

[…]

As a result of all this activity, and the potential for collective action in these efforts, we are launching a new non-profit, Microsyntax.org, with the purpose of investigating the various ways that individuals and tool vendors are trying to innovate around this sort of microsyntax, trying to define reference use cases that illuminate the ways they may be used or interpreted, and to create a forum where alternative approaches can be discussed and evaluated. We may even get involved in the development of proof-of-concept implementations that can act as reference architectures for microsyntactic extensions to the Twitter grammar emerging in the real time stream.

Prinzipiell finde ich die Idee ganz spannend und freue mich auf die erste Ergebnisse… und hoffen wir mal dass die zukünftigen Tweets nicht ausschließlich aus Meta-Informationen bestehen:

RT @pfefferle ich bin gerade in /berlin angekommen und freue mich aufs !barcamp.

(naja, eigentlich sieht ja jetzt schon jeder zweite Tweet so aus 😉 )

Michael Arrington hat heute einen interessanten Artikel über dezentrales Microbloggen veröffentlicht. „Twitter can be liberated“ beschreibt unter anderem auch Chris Saads (Gründer von DataPortability.org) Vorschlag für ein „dezentrales Twitter“.

[…] The net effect of this theoretical platform is to move the publishing to a completely decentralized network, and move the hard part of Twitter into the third party aggregators (which is already a competitive space). There would be no one central bottleneck that could fail. […]

Ein netter Gedanke…

Interessante Links aus dem Artikel: